Dissonanz

Liebe MitstreiterInnen,

ich freue mich sehr ob der allgemeinen Zuversicht und Unterstützung für unsere weitere Protestrunde – und möchte leider rumstänkern:

Alle Berufsverbände (und ich schreibe dies als Vorsitzender eines Regionalverbandes eines solchen) unterstützen nachhaltig unsere Forderungen nach Klinik-Bezahlung und Ausbildungsreform.
In diesen Berufsverbänden sitzen die älteren KollegInnen unseres Berufsstandes, die ihre Kassensitze haben, die Ausbildungsinstitute leiten und in den Kammern und Gremien sitzen.
Warum nur ist ihnen die Misere der PiA bisher entgangen?
Weil Sie bei den Ausbildungsinstituten kräftig an uns verdienen?
Und das nicht könnten, wenn sie die Klinikausbeutung nicht stillschweigend tolerieren würden?
Warum nur teilen sie ihre Kassensitze nicht mit uns?
Haben sie etwa Zeit für Berufspolitik, die ihre Macht absichert, weil sie so wahnsinnig gut verdienen?
Die nächsten PiA-Generationen werden jedenfalls nicht so gut verdienen – weil sie keinen Kassensitz bekommen.

Was geschah 1999?
Ein Teil der Psychotherapeuten bekam einen Kassensitz. Die andere Hälfte ging leer aus.
Danach werden neue PT ausgebildet – die per se leer ausgehen!
PiA werden heute ausgebeutet in Kliniken und auch in Instituten und bekommen morgen keinen Kassensitz!
Es ist sehr gut, dass wir uns politisieren – denn nur so können wir bei der älteren PsychotherapeutInnengeneration durchsetzen, dass sie ihre Kassensitze teilen.

Wer dies alles nicht glauben mag, werfe einen Blick in die Medizin-soziologische Literatur: Medizinberufe haben schon eine lange Tradition der ‚Schließungs-Strategien‘:
Die Etablierten verwehren den Jungen den Zugang zu den Verdienstquellen. In unserem Fall hauptsächlich aus Bequemlichkeit und zum Nutzen der Krankenkassen, die so an den PatientInnen Geld sparen (Wartelisten!!!).

Ach, ihr dachtet ihr könnt in Nischenbereichen mit Psychotherapie Geld verdienen?
Und siehe da – ihr müsst noch Zusatzausbildungen machen, die sich wiederum die Etablierten für Euch ausgedacht haben (z.B. KJHG, BGen,’Trauma‘).

Warum gibt es 5000 000 Psychotherapeutische Berufsverbände?
Weil Geld verdienen so leicht ist mit Kassensitz und Berufspolitik daneben ein angenehmer Zeitvertreib?

Forderung an alle Berufsverbände:

– Preisvergleich aller Ausbildungen mit Offenlegung der Institutsgewinne
– Ausbildungsinstitute dürfen nur PiA aufnehmen, wenn ein ordentlich bezahlter Klinikplatz sicher ist (und schon müssten sie schliessen)
– Konsequente Teilung aller nicht ausgelasteten Kassensitze
– Kein Psychotherapeut darf einen anderen anstellen und ausbeuten (leider sehr üblich)
– Förderung der Kostenerstattung
– keine weiteren Mini-Ausbildungen für spezielle Bereiche

Jean Rossilhol
Vorsitzender des VPP Landesfachverbandes Berlin/Brandenburg