Artikel in der taz über schlechte Ausbildungsbedingungen (05.04.2013)

„So kann man nicht umgehen mit Menschen“

Finanzielle Aspekte überwiegen wohl Berufsethik, sagt Therapeut Christoph Stößlein

taz: Herr Stößlein, wofür steht die Abkürzung „PiA“? Für „Psychotherapeuten in Ausbildung“ oder nicht doch eher „in Ausbeutung“?

Christoph Stößlein: Formal für Ersteres, aber die Kritik der angehenden Psychotherapeuten an ihren Ausbildungsbedingungen ist völlig berechtigt. Sie müssen eine Praxisphase in einer psychiatrischen Klink absolvieren, deren Sinn und Zweck eigentlich klar gesetzlich geregelt ist: Störungsbilder sowie deren Diagnostik und Behandlung kennen lernen, alles unter fachkundiger Anleitung.

Was ist das Problem?

Faktisch machen die PiAs heute nicht nur einen großen Teil der Testdiagnostik, sondern geben auch Gruppen- und Einzeltherapien – oft ohne direkte Anleitung. Das ist ein zweifaches Foul: zum einen gegen die Auszubildenden, die viel mehr machen, als sie sollen und dürfen. Zum anderen gegen die ausgebildeten Psychologen und Psychotherapeuten. Die finden dann eben keine Anstellung, weil die Klinken mit den billigen PiAs arbeiten.

Warum machen die Kliniken das?

Offenbar überwiegen da finanzielle Aspekte die Berufsethik. Denn natürlich ist dieses Modell kostengünstiger, doch die Kliniken riskieren damit eine erhebliche Verschlechterung ihrer Qualität. Denn sie werfen in vielen Fällen junge Leute ohne gute Einführung, ohne Supervision ins kalte Wasser mit schwer kranken Patienten. So kann man mit Menschen nicht umgehen.

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