„Wir sollten endlich damit anfangen unsere Rechte selbstbewusst einzufordern!“ – Interview mit PiA, die ihre Klinik verklagten.

In den letzten Monaten erschienen immer wieder Berichte von Gerichtsprozessen und Psychotherapeuten in Ausbildung (im Folgenden ‚PiA‘), die ‚ihre‘ Krankenhäuser und Kliniken verklagten. Es gab sowohl PiA, die gewonnen haben als auch PiA, die Prozesse verloren haben. Vor einer Woche hat das Bundesarbeitsgericht (BAG) die Revision der vorm Landesarbeitsgericht (LAG) Nordrhein-Westfalen verklagten Klinik zurückgewiesen (Anm. d. Redaktion: Pressemitteilung des VPP). Das bundesweit berühmt gewordene Verfahren vom LAG Hamm (Az. 11 Sa 74/12) wird somit nicht wieder aufgenommen. Die Kollegin erhält somit ein gültiges Urteil und eine etwas geringere Vergütung als die ursprünglich zugesprochene – damit hat wieder ein PiA mehr vor einem Arbeitsgericht gewonnen. Was weiterhin aussteht ist ein höchstrichterliches Urteil des BAG zu den Arbeitsverhältnissen der PiA.

Damit ihr Euch selbst ein Bild machen könnt, was im Falle einer Klage auf Euch zukommt, haben wir von www.pia-im-streik.de das Gespräch mit den Klägerinnen und Klägern gesucht. Unsere beiden Interviewpartner vertreten dabei unterschiedliche Perspektiven auf das Thema „Verklage Deine Klinik“. Während Peter Freytag davon ausgeht, dass es mit der Approbation schwierig werden könnte, wenn man von einem Gericht eine volle Vergütung zugesprochen bekommt, weil damit der Ausbildungscharakter der praktischen Tätigkeit im Rahmen der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Psychologische Psychotherapeuten (PsychTh-AprV) wegfallen könnte, beruft sich Esther Bockwyt auf das Psychotherapeutengesetz (PsychThG), das nicht vorschreibe, ob die praktische Tätigkeit ein Angestelltenverhältnis oder ein Praktikum sein solle. Eine Anerkennung der praktischen Tätigkeit komme für sie nicht mehr in Frage, sie hat sich beruflich umorientiert. Auch bei möglichen negativen Folgen für künftige PiA-Generationen haben die beiden unterschiedliche Ansichten.

DSC_7570-1-4x6d_pp2autokorrEsther Bockwyt hat im Jahr 2010 in Vollzeit für das Asklepios Fachklinikum in Teupitz (Brandenburg) gearbeitet, ist aber lediglich für eine halbe Stelle unter Tarif bezahlt worden, während die restliche Arbeitszeit als Praktikum deklariert worden ist. In dem nachfolgenden, ca. ein Jahr dauernden Rechtsstreit gegen Asklepios ist ihr am Ende vom Gericht in zwei Instanzen das volle Gehalt zugesprochen worden (5 Ca 1191/13). Laut Gericht habe kein Praktikum sondern ein Arbeitsverhältnis bestanden.

peterDas Verfahren von Peter Freytag (11 Ca 10331/13) ist noch nicht abgeschlossen. Das Arbeitsgericht in Köln hat ihm zunächst keinen Anspruch auf Vergütung zugesprochen woraufhin Peter Revision eingelegt hat. Peter Freytag ist Sprecher der PiA-Vertretung im VPP und Beisitzer im Bundesvorstand des VPP.

Für alle Interessierte im Berliner Raum, wird es am 28.04.2015 um 19:30 Uhr ein Treffen in der Turnhalle am Ostkreuz (Holteistraße, 6-9, 10245 Berlin) geben, um gemeinsame Klagewege zu ergründen (s. Facebook-Event & Info zur Location)

Das ganze Interview in ungekürzter Fassung:

 

Hallo Peter, hallo Esther, Ihr habt vor kurzem Eure Krankenhäuser verklagt, in dem Ihr die praktische Tätigkeit (PiA müssen im Rahmen ihrer Ausbildung 1800 Stunden davon machen) gemacht habt. Was hat den Ausschlag für Euch gegeben zu klagen?

Peter:

Mir ging es um das Prinzip, dass PiA oft unentgeltlich zur stationären Versorgung beitragen, und das auch noch ohne hinreichende Anleitung durch erfahrene Therapeuten. Ich möchte einfach von einem Gericht hören, in welchem Verhältnis die für die Klinik erbrachte Leistung zu der durch die Klinik erhaltene Anleitung stehen muss, um solche Null-Euro-Stellen rechtfertigen zu können.

Esther:

Ich habe in der Klinik, in der ich tätig war, insgesamt auf vielerlei Art und Weise schlechte Erfahrungen gemacht. Ich habe dort immer mein Bestes gegeben, in Vollzeit und mit hoher Verantwortung gearbeitet. Ich bin die einzige Stationspsychologin gewesen, habe ebenso wie die Stationsärztin zwischen 8-11 Einzelgespräche in der Woche geführt, Klein- und Großgruppen eigenständig geleitet und den üblichen Dokumentationskram erledigt. Angeleitet worden bin ich dort, bis auf ein Mindestmaß an ‚Supervision‘, nicht.

In Gesprächen mit anderen PiA habe ich auch festgestellt, dass niemand über eine derart umfangreiche und verantwortungsvolle Arbeit berichtet, wie dies bei mir und den anderen PiA bei Asklepios in den brandenburgischen Kliniken der Fall ist. Dort werden PiA grundsätzlich als Ersatz für Psychologen bzw. Psychotherapeuten ‚eingestellt‘, um Kosten zu sparen. Auch an anderem Personal wird bekanntermaßen in großem und rechtlich fragwürdigem Stil eingespart, es gibt z.B. eine konzerneigene Zeitarbeitsfirma. Festangestellte Psychologen gibt es dort so gut wie gar nicht mehr. Diese Klinik ist in meinen Augen wirklich in jeglicher Hinsicht ein Extrembeispiel für Mitarbeiterausbeutung, was sich unter anderem letztendlich auch in einem destruktiven Mitarbeiter- und Arbeitsklima sowie am Ende der Kette in mangelhafter Patientenversorgung niederschlägt.

Für mich stand fest, dass ich klagen werde, da ich wusste und gespürt habe, dass mir für diese Arbeit, die ich dort geleistet habe, Geld zusteht und da ich insgesamt in dieser Klinik, wie andere auch, sagen wir mal, nicht sonderlich sozial kompetent behandelt worden bin. Für mich gab es deshalb keinerlei Ambivalenz bezüglich der Entscheidung. Ab sofort darf die Klinik dieses Modell für PiA nicht mehr anwenden, sonst macht sie sich strafbar. Es war wichtig für mich, von einem Gericht anerkannt zu bekommen, was ich dort getan habe, denn diese Anerkennung musste ich damals in der Klinik leider missen. So ist es letztendlich auch ein Stück Genugtuung für mich und dieses Lebenskapitel ist nun auch innerlich abgeschlossen. Es ist nicht alles schlecht gewesen, was ich bei Asklepios erfahren habe, jedoch überwogen letztendlich doch die negativen Erfahrungen und das Gefühl von Ungerechtigkeit.

Ihr habt Euch vor Gericht von einem Fachanwalt für Arbeitsrecht vertreten lassen. Konnten Eure Kosten von einer Rechtsschutzversicherung übernommen werden? Mit welchen Kosten müssen PiA rechnen, wenn sie klagen möchten?

Peter:

Grundsätzlich muss in arbeitsrechtlichen Verfahren in der ersten Instanz, d.h. vor dem zuständigen Arbeitsgericht, jede Partei unabhängig vom Ausgang die eigenen Anwaltskosten tragen. Dazu kommen dann im Falle einer Niederlage noch die Gerichtskosten. In der zweiten Instanz, d.h. vor dem zuständigen Landesarbeitsgericht, fallen ggf. wesentlich höhere Kosten an, da hier auch Zeugen einbestellt werden, deren Reisekosten, Verdienstausfälle usw. von der unterlegenen Partei zu tragen wären. ver.di trägt für Mitglieder alle Kosten der ersten Instanz. Im Falle einer Revision, d.h. im Falle eines Verfahrens vor dem Landesarbeitsgericht, prüft der jeweilige Landesbezirk von ver.di zunächst, ob hinreichend gute Erfolgsaussichten bestehen. Falls ver.di auch das Verfahren in der zweiten Instanz begleitet, fallen für ver.di-Mitglieder auch dort keine Kosten an.

Esther:

Das war bei mir aber nicht der Fall, da ich nicht rechtsschutzversichert bin. Ich glaube ich habe insgesamt etwas weniger als 3000 € bezahlt, den genauen Betrag weiß ich nicht. Die Kosten hängen vom individuellen Fall und dem Streitwert ab – das kann man sich im Internet einfach ausrechnen lassen. (Anm. d. Redaktion: siehe die roten Links unten). In erster Instanz muss man aber – auch wenn man gewinnt – den eigenen Anwalt zahlen. Das ist in den höheren Instanzen anders. Gerichtsgebühren waren bei mir deutlich niedriger als die Anwaltsgebühren. Aber das liegt wohl auch daran, dass ich gewonnen habe.

FAQs zu Gerichtsverfahren der PiA-Vertretung im VPP: http://www.vpp-pia.de/doku/Juristische%20Moeglichkeiten%20Praktische%20Taetigkeit%20FAQ.pdf

Prozesskostenrechner: http://anwaltverein.de/leistungen/prozesskostenrechner

Wie läuft ein Treffen mit dem Anwalt ab? Muss ich schon für die Erstberatung zahlen?

Esther:

Das kommt wohl auf den Anwalt an. Ja, soweit ich weiß, muss man auch eine Beratung bezahlen.

Peter:

Im Vorfeld sollte man sein Anliegen schon mal umreißen, damit der Anwalt sich auf die Materie einstellen kann. Zum ersten Termin kann es dann nicht schaden, alle „Beweise“ mitzubringen, die man schon zusammen hat; außerdem sollte man eine grobe Einschätzung abgeben können bezüglich der Höhe der Forderungen an die Gegenseite. Auf dieser Grundlage wird der Anwalt die Gegenseite zunächst mit den Forderungen konfrontieren – und zu einer entsprechenden Zahlung auffordern. Verstreicht die Frist für eine solche außergerichtliche Einigung, wird der Anwalt bei dem zuständigen Arbeitsgericht Klage einreichen. Auch für die Erstberatung gilt, dass diese für ver.di-Mitglieder bei einem ver.di-Anwalt bzw. durch einen Anwalt des DGB-Rechtsschutzes kostenlos ist. Zudem bieten einige Berufsverbände wie der VPP ihren Mitgliedern eine kostenlose juristische Beratung im Vorfeld an.

Denkt Ihr, Ihr habt mit Euren Klagen zukünftige Anstellungen als Arbeitnehmerinnen gefährdet? Gibt es eine Möglichkeit sich davor schützen?

Peter:

Sicherlich ist man bei einem Arbeitgeber, dem man ein Gerichtsverfahren aufgezwungen hat, nicht gerade ‚erste Wahl‘. Daher muss man sich vor einer Klage gegen einen regional bedeutsamen Arbeitgeber klar machen, dass man dort in den folgenden Jahren eher nicht als Psychotherapeut unterkommen wird.

Esther:

Bei der beklagten Klinik werde und möchte ich sicher in meinen Leben nicht mehr arbeiten.

Wie konntet Ihr als Klägerinnen nachweisen dass Ihr nicht nur ein „Praktikum“ gemacht habt?

Esther:

Ich habe so ziemlich alles, was mir zu der damaligen Arbeit bei Asklepios in den Kopf kam, für das Gericht zwanghaft genau und ausführlich dokumentiert, den zeitlichen Umfang der Tätigkeiten aufgeschlüsselt. Ich habe dargestellt, wie sich meine Arbeit dort von anderen psychologischen Praktika, die ich gemacht habe, unterschieden hat und mein Arbeitszeugnis und meinen Arbeitskalender als einige von mehreren Beweisunterlagen zur Verfügung gestellt. Ich denke diese Vorgehensweise kam mir neben einem ‚schwachen Auftritt‘ der Gegenseite (welches auch angesichts des Fehlens von Argumenten nicht verwundert) und neben einer sehr guten Zusammenarbeit mit meinem Anwalt zu Gute, denn es war gar nicht mehr notwendig, Zeugen anzuhören, wie dies, meiner Kenntnis nach, sonst in den anderen Klagefällen der Fall gewesen ist. Man muss sich schon im Klaren darüber sein, dass man nicht einfach etwas behaupten kann und dann Recht bekommt. Es steckt viel Arbeit darin, es ist wichtig, alles darzulegen und so gut wie möglich zu beweisen.

Dankenswerterweise führte die Gegenseite in meinem Fall auch ein Zitat an, das sinngemäß so lautete: „Der Praktikant läuft mit, schaut zu, probiert auch mal selber aus.“ Und das war nun genau das Gegenteil von dem, was ich im Rahmen meiner Arbeit in der Klinik gemacht habe, das Zitat habe ich dann natürlich gerne aufgegriffen, ebenso wie nicht mit Inhalt gefüllte Worthülsen der Gegenseite wie ‚Anleitung‘ und ‘Supervision‘.

Peter:

Das hängt wirklich von den eigenen Aufzeichnungen zur Praktischen Tätigkeit ab. Am besten macht man sich schon während der Praktischen Tätigkeit detaillierte Notizen über die Anzahl der Einzel- und Gruppentherapien. Dazu reichen ggf. schon die Aufzeichnungen im eigenen Kalender. Hilfreich wären außerdem Arbeitszeugnisse für die Praktische Tätigkeit.

Anm. d. Redaktion: Peter hat uns eine Liste von Beweismitteln erstellt, die sich in früheren Verfahren als brauchbar erwiesen haben:

  • (anonymisierte) Berichte (z.B. Entlassbriefe, Kassenanträge, Wochenberichte, in denen der/die PiA als „Psychotherapeut/in“ geführt wird)
  • Urlaubsformulare (um nachzuhalten, dass der/die PiA wie die festangestellten und vergüteten Therapeuten entsprechende Anträge stellen muss und ggf. Urlaubsvertretung übernimmt o.Ä.)
  • Konkrete Angaben zu behandelten Patienten und entsprechenden Zeiträumen (ggf. durch anonymisierte Berichte nachweisbar)
  • Kalenderauszug zur näheren Aufschlüsselung z.B. zweier Arbeitswochen (mit allen Terminen und zur Verdeutlichung des täglichen / wöchentlichen Arbeitspensums)
  • Dokumentation im klinikeigenen Computersystem
  • eigener Arbeitsplan
  • Zeugen (für PiA-Supervisionsumfang, Testdiagnostik, Berichtsverfassen)
  • Abrechnungsbögen der Testdiagnostik (da hier eine direkt abrechenbare Tätigkeit eigenständig durch eine PiA vollzogen wurde
  • Arbeitszeugnisse der Klinik, die Tätigkeiten und Umfang belegen

Muss man sich Sorgen um die Anerkennung der praktischen Tätigkeit machen, wenn man klagt? Man hört oft, dass die Ämter Anstellungsverhältnisse nicht als praktische Tätigkeit anerkennen.

Esther:

Das weiß ich nicht genau, da es für mich nicht mehr in Frage kommt. Allerdings habe ich im Rahmen meiner Klagesache gelernt, dass das Psychotherapeutengesetz gerade nicht vorschreibt, ob die praktische Tätigkeit ein Angestelltenverhältnis oder ein Praktikum sein soll. Demnach muss es eigentlich anerkannt werden.

Peter:

Wenn das Gericht der Klage statt gibt und die Ausbildung zum Zeitpunkt der Urteilsbegründung noch nicht abgeschlossen ist, hängt es von dem Umfang der psychotherapeutischen Tätigkeit in den Einrichtungen ab, ob ein Risiko einer nachträglichen Aberkennung durch die zuständige Landesbehörde besteht. In einem bekannten Urteil hat das Gericht zum Beispiel festgestellt, dass die PiA-Tätigkeit etwa im Umfang von 40% der ‚Erbringung wirtschaftlich verwertbarer Leistungen‘ diente. Dies entsprach daher einer Vergütung in Höhe von 1000€ pro Monat. Hier ist das Risiko sehr gering. Ein anderer Sachverhalt liegt vor, wenn jemand eine volle Vergütung als Psychologe zugesprochen bekommt; denn dann fällt der Ausbildungscharakter der Praktischen Tätigkeit ja vollständig weg. Generell geht es um den Anteil der für die Klinik ‚wirtschaftlich verwertbaren Leistungen‘ innerhalb der praktischen Tätigkeit.

Esther, Du hast mit Deiner Klage in zweiter Instanz ein rechtskräftiges Urteil erreicht. Wann endet eine Klage im Vergleich und wann kommt es zum rechtskräftigen Urteil? Musstest Ihr eine Schweigepflichtvereinbarung unterschreiben?

Peter:

Ein Vergleich zwischen den Parteien kann jederzeit geschlossen werden. Insbesondere dient der sogenannte Gütetermin zu Beginn des Verfahrens in der ersten Instanz explizit diesem Zweck. Kommt es zu keiner Einigung zwischen den Parteien, entscheidet das Gericht. Ergebnisse von Vergleichen unterliegen der Vertraulichkeit und dürfen nicht nach außen getragen werden.

Esther:

Ob ein Vergleich geschlossen wird, hängt natürlich von den Angeboten der beiden Seiten ab. Da in meinem Fall kein Vergleich zustande gekommen ist, gibt es für mich keine Schweigepflichtvereinbarung, die ich ohnehin auch nie unterschrieben hätte.

Kann man sich in einer Gruppe mit einem Anwalt zusammentun?

Peter:

Nein, das deutsche Arbeitsrecht ist Individualrecht, d.h. jeder Fall muss einzeln betrachtet und verhandelt werden. Eine Sammelklage, wie man das öfter im Fernsehen mitbekommt, gibt es im deutschen Arbeitsrecht nicht.

Glaubst Ihr, Eure Klagen haben möglicherweise Nachteile für nachfolgende PiA-Generationen?

Peter:

Ja, das kann man bereits seit längerem beobachten, vor allem seit dem bekannten Prozess vor dem Landesarbeitsgericht Hamm. Eine Klinik muss aber gar nicht selbst betroffen gewesen sein. Es reicht aus, dass die Klinik-Verwaltung das Risiko zukünftiger Klagen für hinreichend hoch hält – und schon wird das Kontingent an Stellen für die Praktische Tätigkeit heruntergefahren. Dasselbe Problem wird sich aufgrund der Einführung eines Mindestlohnes in Deutschland ab diesem Jahr weiter verschärfen, weil viele Klinikverwaltungen befürchten, dass den PiA ein Anspruch auf Mindestlohn zugesprochen werden könnte. Diese Sorge ist allerdings eher unberechtigt, da die Praktische Tätigkeit aus juristischer Sicht eher einem Pflichtpraktikum gleichkommt – und Pflichtpraktika sind nun einmal vom Mindestlohn explizit ausgeschlossen. Allerdings teilen viele PiA diese Auffassung natürlich nicht.(Anm. d. Redaktion: Ein entsprechende Stellungnahme zum Mindestlohn wurde vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales bis heute nicht direkt beantwortet)

Esther:

Ich finde es bezeichnend, dass wir – damit meine ich uns Psychologen und PiA – direkt wieder überängstlich anfangen, diese möglichen Nachteile heraufzubeschwören und als Rationalisierung für weitere Anpassung nutzen, auch, wenn es natürlich legitim ist, über diese Frage nachzudenken. Meiner Meinung nach scheitert auch Vieles von dem, worüber wir uns beklagen, an unserer eigenen – nun schon jahrelangen – Unterwerfung, aus der wir uns meiner Wahrnehmung nach aber allmählich emanzipieren, z.B. in Form von Demos und Petitionen, und letztendlich auch in Form der gerichtlichen Klage.

Um die Frage nach Nachteilen zu beantworten, muss man sich ja erstmal fragen, was denn überhaupt ein Nachteil sein könnte? Dass wir gar nicht mehr die Möglichkeit haben, zu arbeiten, auch nicht für einen Hungerlohn? Sind Psychologen dann plötzlich überflüssig geworden? Wohl kaum. Oder werden die Kliniken dann wirklich dazu übergehen, nur noch ausgebildete Psychotherapeuten einzustellen? Das wäre ja denkbar. Wenn das so wäre, dann finde ich das auch richtig so – zumindest nicht grundsätzlich falsch. Es kann nicht sein, dass PiA, so wie es aktuell der Fall ist, einfach an Stelle von erfahrenden Psychotherapeuten eingesetzt werden, um Kosten zu sparen. Hiervon profitiert nur eine Seite, nämlich die Klinik, nicht jedoch überforderte und erschöpfte PiA und schwerkranke Patienten (Anm. d. Red.: Das Berliner PiA-Forum hat kürzlich eine Umfrage durchgeführt, wie PiA sich in den Kliniken betreut fühlen). Wieso dürfen im ambulanten Bereich nur ausgebildete Therapeuten mit Patienten arbeiten, im stationären Bereich, in dem wie jeder weiß die Patienten in der Regel noch bedürftiger sind, aber auch PiA? Damit meine ich nicht, dass PiA in Kliniken nichts zu suchen haben, denn wir haben ja immerhin ein Diplom oder einen Master-Abschluss in Psychologie und kennen uns bereits sehr gut mit der klinischen Psychologie aus, vor allem natürlich aber in theoretischer Hinsicht.

Aber PiA sollten das sein, was sie sind: In der Regel junge Menschen, die frisch von der Uni kommen und erst einmal praktisch etwas lernen sollen und müssen und Anleitung benötigen. Was ich konkret damit meine: PiA machen auch mal Einzelgespräche und leiten auch mal eine Gruppe, sie schreiben auch Arztbriefe und machen Diagnostik, aber sie machen dies nicht überwiegend und eigenständig, sondern sie erhalten Gelegenheit, dies zu beobachten, selber zu erproben und darüber mit erfahrenen Menschen zu sprechen. Das standardmäßig, unkritisch verwandte Wort Supervision wird nicht nur als Floskel für angebliche Anleitung benutzt, sondern auch wirklich so gelebt. Es gibt Möglichkeiten des Ausprobierens, aber die Anleitung und Ausbildung überwiegt.

Und wenn sie dies nicht tut, dann ist das Arbeitsverhältnis auch als solches zu benennen und zu vergüten. PiA können nicht in jedem Fall ausgebildete Therapeuten ersetzen, das ist ganz einfach eine Überforderung. Wie soll ein solches System, das auf Überforderung von Therapeuten fußt, denn letztendlich zum Wohle des Patienten fungieren? Aber ich habe den Eindruck, genau darum, um das Wohl der Patienten, geht es bezeichnenderweise in vielen Kliniken schon lange nicht mehr. Wir sind ein Teil eines meiner Meinung nach mittlerweile an vielen Stellen inhumanen ‚Systems Psychiatrie‘, in dem wir auf unserem gehetzten und beschwerlichen Weg zur Approbation notgedrungen, aber nicht alternativlos mitspielen. Das geht eben nicht nur zu unseren eigenen Lasten, sondern auch zu Lasten der Patienten. Das können und sollten wir als Psychologen einfach auch nicht länger verleugnen. Dazu möchte ich die Präambel der ethischen Richtlinien der DGPs und des BDP zitieren: “Psychologen achten die Würde und Integrität des Individuums und setzen sich für die Erhaltung und den Schutz fundamentaler menschlicher Rechte ein. Psychologen sind dazu verpflichtet, in der praktischen Ausübung ihres Berufs zu jeder Zeit ein Höchstmaß an ethisch verantwortlichem Verhalten anzustreben. Sie sind dazu verpflichtet, die Rechte der ihnen beruflich anvertrauten Personen nicht nur zu respektieren, sondern, wann immer erforderlich, auch aktiv Maßnahmen zum Schutz dieser Rechte zu ergreifen. In ihrer beruflichen Tätigkeit […] sind sie wachsam gegenüber persönlichen, sozialen, institutionellen, wirtschaftlichen und politischen Einflüssen, die zu einem Missbrauch bzw. zu einer falschen Anwendung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten führen könnten“.

Anstatt uns also überängstlich nach Nachteilen zu fragen, sollten wir endlich damit aufhören uns unterzuordnen und damit anfangen unsere Rechte selbstbewusst einfordern. Wenn die Kliniken etwas ändern, ist das ein Erfolg, kein Nachteil. Veränderung bedeutet meiner Lebenserfahrung nach nicht, dass alles zusammenbricht. Gerade wir sollten doch am besten wissen, wie man mit katastrophisierenden Kognitionen umgeht. Es wird auch künftig Möglichkeiten geben, im Rahmen einer Ausbildung zum Psychotherapeuten praktische Erfahrungen zu sammeln, ohne dabei ausgebeutet zu werden! Auch junge Ärzte haben solche Möglichkeiten. Wir Psychologen und Psychotherapeuten werden nicht überflüssig werden. Solche Weltuntergangsszenarien im Sinne von ‚Wir kriegen gar keine Arbeit mehr‘ gelten meiner Meinung nach also nicht mehr und können als Abwehr von Angst, der Angst vor Konflikt und Unruhe, entlarvt werden. Meiner Einschätzung nach können sich eigentlich nur Vorteile für nachfolgende PiA-Generationen ergeben. Schlimmer geht’s in diesem Fall tatsächlich doch nicht mehr.

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